Schweighofer Innovationspreis an Dr. Simon Aicher, MPA Stuttgart verliehen
[30.10.2011] Interview mit Dr. Simon Aicher, Materialprüfungsanstalt (MPA) Universität Stuttgart für www.cluster-forstholz-bw.de.
Herr Dr. Aicher, im Juni wurde Ihnen in Wien der Schweighofer Innovationspreis 2011 verliehen. Was verbirgt sich hinter diesem Preis und von wem wird er vergeben?
Der Schweighofer Preis für Forstwirtschaft, Holztechnologie und Holzprodukte wird europaweit ausgeschrieben und prämiert innovative Ideen, Technologien und Produkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette Forst und Holz. Er gilt als bedeutendster Innovationspreis in der europäischen Forst- und Holzwirtschaft. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Forst- und Holzwirtschaft zu steigern. Der Schweighofer Preis wird alle zwei Jahre vergeben und gliedert sich in einen Hauptpreis für das Lebenswerk und vier Innovationspreise.
Der Preis wird von der Schweighofer Stiftung vergeben, die die gleichnamige österreichische Holzindustriellen-Familie 2003 ins Leben gerufen hat. Der Hauptpreis ist mit 100.000 € dotiert, die Innovationspreise mit jeweils 50.000 €.
Für welches Projekt wurden Sie mit dem Innovationspreis ausgezeichnet?
Wir, Herr Mathias Hofmann, Inhaber und Geschäftsführer der Fa. Hess Timber, und meine Person, haben den Preis für die Entwicklung des Keilstoßsystems HESS LIMITLESS erhalten. Damit wird erstmalig im Holzbau eine Längsverbindung von geraden und gekrümmten Brettschichtholzträgern ohne Festigkeits- und Steifigkeitsverlust gegenüber dem ungestoßenen Bruttoquerschnitt ermöglicht.
Wesentlich ist, dass die Verbindung unter quasi Werkstattbedingungen baurechtlich zulässig auf der Baustelle hergestellt werden kann.
Das über zwei Jahre entwickelte, patentierte und allgemein baurechtlich zugelassene Verbindungs-System ermöglicht nunmehr die Erstellung von großen, sehr weit gespannten Holztragwerken ohne die heutigen, extremen Einschränkungen durch kostspielige Sondertransporte. Es können Bauteile mit Längen von rd. zwölf Metern kostensparend mit Standardcontainern zu beliebig entfernten Baustellen transportiert werden und dort ohne Festigkeitsverlust wirtschaftlich zu großen prinzipiell endlos langen Bauteilen gefügt werden, was bislang dem Stahlbau vorbehalten war. Die Verbindung sprengt in diesem Sinne die heutigen Verwendungsgrenzen von Brettschichtholz und erweitert die Exportmöglichkeiten der deutschen Brettschichtholzhersteller erheblich, daher auch der Name "Hess Limitless".
Eine Preisverleihung, die über die Fachwelt hinaus auch von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die Ehrung mit Festakt im Wiener Rathaus stellte sicherlich einen Höhepunkt für Sie dar?
In der Tat habe ich mich über den Preis sehr gefreut, denn er stellt nicht zuletzt auch eine Anerkennung der Berufskollegen und der Wirtschaftskreise dar. Im Bereich der europäischen Forst- und Holzwirtschaft gelten der Marcus-Wallenberg-Preis und eben der Schweighofer Preis als die wichtigsten Auszeichnungen.
Die Preisverleihung im wunderschönen Ambiente des Wiener Rathauses war sehr feierlich, geprägt von einer einmaligen Atmosphäre. Sicherlich ein erhebender Moment für meine Familie – meine Frau und mein Sohn waren bei der Ehrung dabei – wie natürlich auch für mich. Der Preis bedeutet für mich auch eine Belohnung für mittlerweile zwanzig Jahre Forschung für Holz und den Holzbau.
Herr Dr. Aicher, Sie sind Leiter der Abteilung Holzkonstruktionen an der Materialprüfungsanstalt (MPA) Universität Stuttgart. Wie darf man sich Ihren beruflichen Alltag vorstellen?
Unsere Aufgaben gliedern sich in drei Schwerpunkte:
- Prüfung und Zertifizierung von Holzprodukten- und Holzbauarten nach Normen und technischen Baubestimmungen
- Zulassungsuntersuchungen für innovative und bislang baurechtlich nicht geregelte Bauprodukte
- Schadensuntersuchungen, Gutachten und Forschung
In der Verantwortung der Abteilungsleitung ist natürlich auch ein administrativer Anteil vorhanden. Über die Tätigkeit in der MPA hinaus bin ich Mitglied in mehreren deutschen, europäischen und internationalen holzbaurelevanten Gremien und Sachverständigenausschüssen.
Worin liegen die Schwerpunkte Ihrer Forschung an der MPA?
Die Schwerpunkte meiner Forschungsarbeiten liegen primär im Bereich der Holzverklebungen und geklebter Holzbauprodukte. Beispiele hierfür sind Projekte wie „Verstärkungen durch Verklebung“, „Langfristige Sicherheit und Beständigkeit von Holzverklebungen“, „Zeitstand- und Ermüdungsverhalten von Verklebungen“, „Zerstörungsfreie Prüfverfahren von Holzverklebungen“ sowie „Verklebungen bislang nicht genutzter (Laub-)Holzarten“.
Im konstruktiven Bereich liegt einer der Forschungsschwerpunkte bei ausgewählten Bemessungsproblemen des Holzbaus, z.B. bei Durchbrüchen in Brettschichtholz-trägern.
Das Gespräch mit Dr. Simon Aicher führte Clustermanager Uwe André Kohler.





